Mittwoch, 17. Dezember 2014

Armes Deutschland, was machen wir nur mit dir?

„Sind Sie zufrieden?“ Ich schaue den Mann mir gegenüber an. Ich bin verwundert, und empört zugleich. Ich habe nicht mit dieser Frage gerechnet. Nicht heute. Nicht an diesem kalten Dezembertag. Niemals. Ich war gerade dabei einen Bericht über Pegida Demonstrationen zu lesen, als er auf mein Handy schaute. Es war ein Bericht über Fremdenfeindlichkeit und über alle Bürger, die sich vor etwas fürchteten, das nicht existierte: Islamisierung. Wie kommt der Fremde darauf, mir so eine freche Frage zu stellen? Denkt er etwa, ich wäre der Grund für die Paranoia der Menschen? Ich und alle anderen Muslime in Deutschland? Ich bin enttäuscht und kann nicht verstehen, wie alle Muslime unter einen Kamm geschert werden. Wo sind die Individualität, das Verständnis und die Toleranz geblieben? Wo ist das Deutschland, das aus der Vergangenheit gelernt hat? Was ist aus meiner geliebten Heimat geworden?

Ich umschlinge meinen Schal enger um meinen Hals. Der Bus sollte in wenigen Minuten kommen. Ich warte geduldig und sammle meine Gedanken: Nein! Ich bin nicht schuld daran, dass jeden Montag Menschen auf die Straße gehen. Ich bin nicht schuld für die panische Angst, die aus nicht erklärbaren Gründen entstanden ist. Ich, und die große Mehrheit der Muslime sind keine Täter, die eine kleine Gruppe in Dresden zu Opfern gemacht haben.  

Denn bleiben wir doch mal bei den Tatsachen: Ca. vier Prozent der Deutschen sind Muslime und als wirklich praktizierend bezeichnen sich gerade mal ein Prozent davon.  Von diesen vier Millionen Muslimen gibt es laut dem Bundesamt für Verfassungsschutz 43.000 potenziell gefährdete Islamisten. Abgesehen davon, wer wann als Islamist zählt, sind das gerade mal knapp ein Prozent. Im Gegensatz dazu haben laut einer Statistik 38 Prozent der befragten Deutschen ausländerfeindliche Einstellungen. Nur nebenbei bemerkt. Aber was spielen solche Zahlen schon für eine Rolle? Zahlen sind Zahlen und Gefühle sind Gefühle.

Der Fremde schaut mich an. Er wartet auf eine Antwort, ich auf eine Ordnung meiner Gedanken. „Wie bitte?“, frage ich verwundert und empört zugleich. „Ob Sie zufrieden damit sind, habe ich gefragt!“ Doch bevor ich wirklich meine Gedanken aussprechen kann, schaut er auf mein Handy: „Ich hab mir dasselbe Handy bestellt, was denken Sie darüber?“ Ach, wie soll ich nur über dieses Deutschland denken?

Mittwoch, 26. November 2014

Warum ich Journalistin werden will

Ich will einen neuen Journalismus! Einen, der nicht nur an der Oberfläche berichtet, sondern in das ungewisse Innere geht. 

Gelsenkirchen - Einen, der das Schreiben als eine Leidenschaft sieht und gute Recherche als eine soziale Verantwortung. Einen, der nicht jeden Mist erzählt und sich nur an der Wahrheit orientiert.


Ich habe schon früh angefangen, mich für soziale Probleme in Deutschland zu interessieren, habe nach Antworten gesucht, warum deutsche Migranten in den Medien ein eher düsteres Bild haben.
Ich konnte nicht verstehen, warum immer über sie berichtet wurde und doch so selten von ihnen. Das Bild der gesellschaftlichen Außenseiter fand ich in fast jedem Artikel, den ich über Migranten gelesen hatte, denn anscheinend waren es immer noch die Anderen. Währenddessen fing ich auch an, globale Probleme und Missstände in den Medien zu verfolgen und erkannte schnell die Macht der Medien.


Aus einer Enttäuschung heraus fing ich an, leidenschaftlich zu schreiben. Erst für mich. Dann jahrelang für die Schülerzeitung, dann auch öffentlich in meinem privaten Blog und dann für die Lokalzeitung.


Ich sprach über meinen Frust im Lokalradio und merkte schnell, dass ich mir Gehör verschaffen konnte. Ich recherchierte und recherchierte, interessierte mich für jedes politische und soziale Thema. Rannte mit einem Block und einem Stift durch die Stadt und ließ die zu Wort kommen, die es sonst nicht schaffen würden. Ich baute mir meine kleine Welt auf, in der ich über das berichtete, was Deutschland zu einem bunten Land macht.


Ich wollte das in die Öffentlichkeit bringen, was nur die berichten konnten, die auch hautnah am Geschehen dabei waren. So kam es, dass ich auch aus einer Frustration heraus entschieden habe, leidenschaftliche Journalistin zu werden.


Hartnäckigkeit, Mut und Wissensdurst sind meine ständigen Begleiter.
Ich will die Welt nicht einfach so hinnehmen, wie sie ist, nicht die Politik und auch nicht die soziale Gesellschaft, die geprägt ist von Vorurteilen. Ich will erklären und verändern! Ich will die Menschen zum sozialen Miteinander anregen und nicht zur sozialen Hetze. Dabei spielt es für mich keine Rolle, dass der Journalismus in einer Finanzkrise steckt oder dass es immer weniger festangestellte Journalisten gibt.


Ich will berichten und mit jedem Wort, das ich schreibe, im Reinen sein. Der Journalismus sollte wieder zurück in die Anfänge seiner Zeit, in der Journalisten ihr Wörter heimlich im Hinterzimmer geschrieben haben, um Demokratie und Aufklärung zu fordern.


Ich möchte nicht eine von vielen Journalisten sein, die nicht über den Tellerrand hinaus schauen. Ich möchte am Tellerrand sitzen und dem Abgrund tief in die Augen blicken und mit dem recherchieren, was dem deutschen Journalismus fehlt: der Liebe zur sozialen Verantwortung.


Der Text ist auf newsroom.de am 22.11.2014 erschienen.


Freitag, 7. November 2014

Die Freiheit es zu tragen

Beginn.
DAS hatte sie nicht erwartet! Ich auch nicht! Wirklich nicht. Es ist einige Tage her. Ich war aufgeregt. Es sollte ein wichtiges Gespräch werden, für eine wichtige Angelegenheit. Ich habe lange überlegt, was ich anziehen soll. Nicht zu schick, aber auch nicht zu lässig. Ein hellbraunes Kopftuch aus Chiffon sollte es sein. So wie immer. So wie jeden Tag. Ich band das Tuch um meinen Kopf, eine Nadel hier, eine Nadel dort.

Schock.
„Entschuldigung, aber Ihre Bewerbung machte einen selbstbewussten Eindruck. Ich habe nicht erwartet, dass sie ein Kopftuch tragen!“

Stille.
Ich bringe ein gezwungenes Lächeln hervor. Mein Mund versucht meine Gedanken in Laute umzuwandeln, doch ich bringe keinen Ton heraus. Damit habe ich nicht gerechnet. Wirklich nicht. Darauf war ich nicht vorbereitet.

Geschrei.
In meinem Kopf schwebt eine düstere Wolke von Gedanken. Einige sind dazu da, um mich rechtzufertigen. Um der Frau mir gegenüber laut zu sagen, dass ihre Annahme falsch ist. Um das vorherrschende Bild zu verändern. Andere wiederum drücken Verwirrung und Aggression aus, doch ich kann meine Gedanken noch beruhigen.

Fragen.
„Wie kommen Sie darauf, dass ich nicht selbstbewusst sein kann, wenn ich ein Kopftuch trage?“, frage und ich setzte mich auf den Stuhl, auf dem ich zwei Stunden sitzen sollte. Sie serviert mir einen Tee. Bitter. Doch ich trinke. Meine Nervosität bringt mich in eine Sackgasse der Verwirrung. Verdammt, wieso war ich so aufgeregt? Welchen Grund hatte ich dazu? „Nun ja, Sie müssen doch zugeben, dass das Kopftuch nicht wirklich ein Symbol der persönlichen Freiheit ausdrückt. Dass Frauen sich verhüllen, weil sie sich verstecken wollen. Eigenwillig oder auch mit Zwang. Das kommt auf das Gleiche hinaus.“ Zack! Da hatten wir es: die Unterdrückung der muslimischen Frau. Jene Frau, die nicht wie die anderen Frauen war. Jene, die das Tuch um ihren Kopf hatte.

Gerede.
Ich teile meinen Gedanken nun Laute zu. Eine Möglichkeit sich zu präsentieren. Sich zu beweisen: „Mein Selbstbewusstsein steht nicht im Gegensatz zu meinem Tuch“, sage ich und versuche dabei meiner Gesprächspartnerin in die Augen zu schauen. „Ich wurde nicht gezwungen ein Kopftuch zu tragen, ich trage es gerne, weil es zu meiner Persönlichkeit gehört.“

Erkennung.
„Sie möchten also als Muslima erkannt werden, obwohl Sie wissen, dass das Bild der Muslime in Deutschland nicht das Beste ist?!“, fragt meine Gesprächspartnerin und schaut mich skeptisch dabei an. Ach, wie sehr ich dieses Thema doch liebte. Das Bild der Muslime in Deutschland. Das Bild jener Schublade, in der ich mich anscheinend gerade befand. „Nicht unbedingt! Ich trage das Kopftuch, weil ich gegen die Sexualisierung der Frau bin. Weil das Kopftuch von meinen weiblichen Reizen ablenkt und auf meine Persönlichkeit hinweist,“ sage ich mit einer Überzeugung, die ich schon seit Jahren in mir trage. „Ich möchte nicht unbedingt als Muslima erkannt werden. Meine Religion ist meine Privatsache. Dennoch leben wir in einer Gesellschaft, in der die Frau oft sexualisiert wird. Und dagegen will ich mich stellen.“

Verwirrung.
„Eine muslimische Feministin also? Ach, das kann es doch gar nicht geben. Die Entscheidung es zu tragen, kommt nicht von Ihnen selbst. Sie tragen es, weil Sie es laut Ihrer Religion sollen. Weil es anscheinend besser für Sie ist. Dabei sollten sie selbst entscheiden, was gut und was schlecht für Sie ist.“

Erkenntnis.
„Das tue ich doch! Ich trage es aus mir selbst heraus, weil ich es als richtig erachte“, sage ich und versuche zu erklären, dass ich nicht zum Kopftuch gezwungen wurde. Keine Chance. Ich kann nicht überzeugen. Das Kopftuch bleibt Thema. Ein Symbol, weil ich nicht als Hatice Kahraman gesehen werde, sondern als eine Muslima. Als eine von Vielen in derselben Schublade.

Ende.
Ich habe dem Kopftuch selbst nie so eine große Bedeutung zugeschrieben, wie es meine Mitmenschen oft getan haben. Für mich ist es einfach nur ein Tuch. Eins, das ich gerne trage. Das einfach zu mir gehört. Kein politisches Symbol und auch kein Modeschmuck. Keine Unterdrückung und auch kein Zwang. Das Kopftuch ist Freiheit. Jene Freiheit, die ich mir nehme, um es zu tragen. Um mich nicht rechtfertigen zu müssen. Um so zu sein, wie ich es sein will: mit einem einfachen Tuch.

Sonntag, 12. Oktober 2014

Die Geschichte der Buchstaben

Beim Vorbeigehen am Zeitungsstand lese ich wieder das böse Wort mit T. Ich habe Angst dabei entdeckt zu werden, wie ich das böse T ausspreche, also gehe ich unauffällig weiter. Ich will keine Aufmerksamkeit erregen, will nicht, dass man mich mit dem T in Verbindung bringt. Ich will nichts mit dem T zutun haben und schon gar nichts mit dem I und dem S. IST es denn verwunderlich, dass ich diese Buchstaben nicht mag? Bin ich etwa zu verurteilen, weil mir diese Buchstaben nicht mehr sympathisch sind? Ich verzweifle und drücke mein Mitleid gegenüber diesen Buchstaben aus.

Terroristisch islamischer Staat. Ach wie häufig habe ich diese Wortkombination gelesen. Ein paradoxes Wortspiel aus dem krankhaften Terror, der wohl kaum in der Lage ist einen demokratischen Staat zu ernten. Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel und schon gar nicht den Missbrauch der Buchstaben. Denn ohne die Gräueltaten der IS darstellen zu müssen, hat sich das I vom Islam in den letzten Jahren geändert.

Früher gab es nur das M. Das M hat sich zwar alleine gefühlt und doch war es zufrieden. Man(n) hat ihm eine Bedeutung gegeben, weil es zu Deutschland gehörte, wie es der Bundespräsident Gauck 2012 mitteilte. Dabei hatte es auch eine Zeit der Zweisamkeit erlebt. 2010 teilte der Ex-Bundespräsident Wulff mit, dass auch das I zu Deutschland gehörte. Doch nach heftigen Diskussionen verschwand es schnell wieder. Das M für Muslime war also wieder alleine. Aber störte es das M? Nein! Doch das merkte es erst, als das böse T in den großen Zeitungen zu lesen war. Als man anfing, alle Ms mit dem bösen T in Verbindung zubringen. Als es plötzlich nur noch das böse I gab. Man, die armen Buchstaben tun mir leid. 

Denn zu der Zeit, als das M noch für die normalen Muslime stand, gab es nur die Kopftuch-Frauen und die Bart-Männer. Integration - und da haben wir das zweite I - war ein Problem, über das man diskutieren konnte. Über das man streiten und debattieren konnte. Aber heute? Das arme I wurde missbraucht und alle Ms sollen sich plötzlich angesprochen fühlen?! Sie sollen sich vom I distanzieren, sich fernhalten und sich für ihre Religion schämen.

Heute sind die Buchstaben in allem Munde. Der Islam ist plötzlich bekannt, die Medien vergnügen sich an Wortspielen mit Dijhadisten, Salafisten und Terroristen. Islamisch ist anscheinend das, was verwerflich ist. Das, was man hier nicht haben will. Nur die Muslime, die duldet man.


Ich lebe mittlerweile in einem Dilemma. Ich will mich informieren, will die Weltgeschehnisse nicht aus den Augen verlieren, doch die Buchstaben kann ich nicht mehr sehen. Ich bin auf der einen Seite wütend, weil es einen Ort gibt, an dem das I mit Blut missbraucht wird. Und doch bin ich traurig, weil es auch hier fast nur in negativen Zusammenhängen benutzt wird. Ich wünsche mir eine Zeit, in der das I vom Islam mit friedlichen Ms in Verbindung gebracht wird. 

Sonntag, 28. September 2014

Eine Distanz ist nicht nötig

Ich habe in den letzten Tagen immer wieder Artikel und Beiträge gelesen, in denen sich Muslime von den Gräueltaten der IS distanziert haben. #Notinmyname war ein beliebter Hashtag um zu zeigen, dass die IS nicht im Namen des Islams oder der gesamten Muslime handeln kann, beziehungsweise handeln darf. Ich fand die Aktion wirklich klasse! Ich habe auf Twitter ebenfalls mitgemacht, weil ich finde, dass heutzutage ein Hashtag schnell die Stellung einer virtuellen Stimme einnehmen kann. Und wenn die Muslime ihre Stimme gegen die Terrororganisation nicht erheben, wer dann?! Ebenfalls distanziert haben sich bekannte Gesichter und Vertreter muslimischer Institutionen, die ihre klare Abneigung gegenüber der Terrororganisation gezeigt haben. Immerhin gibt es prominente Muslime, deren Meinungsbilder wichtige Rollen spielen.

Dazu gehöre ich aber nicht. Und genau das ist auch der entscheidende Punkt. Ich habe nämlich lange überlegt, ob es denn eine Verbindung zwischen mir - einem einfachen Mädchen aus dem Ruhrgebiet - und einem Mitglied der Terrororganisation der IS gibt. Nope! Habe leider keinen gefunden. Denn seinen wir mal ehrlich, nur weil die IS im Namen des Islams handelt, muss ich mich doch nicht davon distanzieren!? Welche Schuld trifft mich, wenn irgendwelche Dumpfbacken mit Waffen spielen und wild um sich herum schissen? Ich habe weder eine Verwandtschaft noch eine andere Beziehung zu der IS und sehe es deshalb nicht als nötig, mich davon zu distanzieren.

Natürlich finde ich die Gräueltaten mehr als abscheulich und auch ich würde alles in meiner Macht tun, um dem Terror endlich ein Ende zu setzten. Aber wie unterscheide ich mich von den anderen deutschen Bürgern, die sich anscheinend nicht distanzieren müssen. Tja, da haben wir es wieder: Es ist meine Religion, weil anscheinend irgendein Idiot mit der IS Flagge in der Hand, ebenfalls an den Islam glaubt. Aber teilen wir uns somit die gleiche Schublade? Sind war alle einfach nur die Muslime? Wer diese Frage mit Ja beantwortet, sollte auf der Stelle meinen Blog verlassen. Denn ich schreibe schon seit Jahren darüber, dass es nicht die Muslime gibt und wie schlimmer noch: Ein Terrorist ist und bleibt ein Terrorist und das hat nun wirklich nichts mit Religion zutun, auch wenn diese immer wieder dazu missbraucht wird.

Somit schäme ich mich nicht dem Islam anzugehören. Denn der Islam, den ich kenne und lebe, hat nichts mit Terror zutun. Ganz im Gegenteil! Terror wird im Islam verurteilt und wer das Gegenteil sagt, hat leider den wahren Islam verpasst. Und das tut mir nun wirklich leid.

Donnerstag, 11. September 2014

Die düstere Seite des Internets

Es fing wirklich harmlos an. Ich saß an meinen Schreibtisch, sollte eigentlich lernen. Ich drückte auf die Facebook App und scrollte mit meinem Daumen an meiner Startseite. Da entdeckte ich einen interessanten Artikel von einer Zeitung, die ich auf Facebook abonniert hatte. Islamphobie stach in mein Auge. Doch bevor ich den eigentlichen Artikel las, interessierten mich die Kommentare der Leser unter dem Beitrag. Und so fing das wirkliche Grauen an.

In dem Artikel, den ich heute leider nicht mehr finden kann, ging es um die negative Einstellung der Deutschen gegenüber den Muslimen. Aber das war damals für mich nichts Neues und somit Nebensache. Wirklich interessant fand ich aber die Kommentare, die ich mir sonst nie durchgelesen hatte. Denn das, was ich damals aus Langweile tat, veränderte meine Einstellung gegenüber einer großen Gruppe von Menschen. Die Kommentare waren weder sachlich noch stellten sie einen anderen Standpunkt dar. Vielmehr entdeckte ich die grausame und rassistische Welt des Internets. Sätze, die ich hier nicht niederschreiben werde, durchquerten förmlich das ganze soziale Netz. Plötzlich hatte jeder eine Meinung, die er auf allen öffentlichen Seiten als Kommentar schreiben musste. Plötzlich waren alle Anti-Alles und die Welt war doch so verdammt scheiße. Beleidigungen, Hassparolen und ab und zu ein guter Kommentar füllten jeden öffentlichen Beitrag. Die Redakteure selber mussten gar nicht eingreifen, die Leser machten sich gegenseitig schon fertig.Und tun es immer noch. Denn jeder kennt sie: Die große Gruppe der kommentierenden Menschen oder besser gesagt – die sich hinter einem Facebook-Account versteckenden Mutigen.

Besonders interessant wurde es bei Beiträgen über den Islam. Denn plötzlich vergaß man alle guten Bekanntschaften mit Muslimen, denn alle tragen anscheinend eine Bombe unter der Jacke. Plötzlich war es legitim, wenn man rassistisch war. Ist doch eben nur die eigene Meinung und das darf man doch noch sagen dürfen. Aber ja doch. Wer so viel Mut hat, seine eigene Meinung zu schreiben, sollte sie auch dem muslimischen Arbeitskollegen sagen können. Nicht, dass der Idiot noch das Gebäude in die Luft jagt. Oder viel schlimmer noch: Er ist überhaupt kein Terrorist, Extremist, Salafist, Djihadist, Gotteskrieger, Mörder, Krimineller und Islamist. Verdammt aber auch. Dann würde die eigene Meinung noch nicht einmal der Tatsache entsprechen. Unvorstellbar, obwohl man die Meinung mit Leichtigkeit niedergeschrieben hat.

Aber genauso läuft es im Internet ab. Man sitzt in seinem dunklen Zimmer, der Fernseher läuft und es wird eifrig auf Tastaturen getippt. Alles Böse und Rassistische muss doch irgendwo seinen Freiraum haben und wo wäre der beste Platz als unter öffentlichen Beiträgen auf Facebook? Ach, wie sehr liebe ich das soziale Netz.

So kam es, dass ich vor einigen Monaten anfing, die Kommentare auf Facebook zu lesen und manchmal sogar selbst kommentierte. Aber ich hörte schnell damit auf, denn einen wirklichen Diskurs konnte ich lange suchen. Beleidigen und hassen kann anscheinend wirklich jeder, der irgendwie Internetzugang hat. Wer aber kennenlernen und tolerieren will, macht es auf die klassische und traditionelle Art: von Gesicht zu Gesicht. Nennt mich ruhig altmodisch.

Montag, 18. August 2014

Die rosarote Welt der guten Menschen

Vor wenigen Tagen brannte eine Moschee in Berlin Kreuzberg, ein Tag zuvor wurde eine Moschee in Bielefeld ausgeraubt und Religionsbücher wurden verbrannt. Es sind keine Einzelfälle, schon öfter wurden muslimische Gotteshäuser in Brand gesteckt. Oft waren es technische Fehler, und genauso oft bewusste Brandanschläge.

Seit den Bränden wollte ich immer ein Artikel über antimuslimischen Rassismus schreiben, konnte es aber bisher nicht. Das lag in erster Linie daran, weil ich antimuslimischer Rassismus nicht direkt erlebt habe. Ich habe oft in den Medien darüber gelesen, haben Vorträge darüber gehört und Kampagnen dagegen gesehen. Aber wirklich erlebt habe ich es nicht. Gott sei Dank. Dabei hat mir vor Kurzem eine Bekannte gesagt, dass auch ich antimuslimischem Rassismus ausgesetzt bin – gewollt oder ungewollt. Denn nach ihren Aussagen her, müsse auch ich mich angesprochen fühlen, wenn es in den Medien heißt, dass „Muslime wieder das und das gemacht haben.“ Schließlich kehre man alle Muslime unter einen Kamm und ich würde ebenfalls darunter fallen. Doch an dieser Stelle mache ich ein STOPP! Denn ich lasse mich nicht unter einen Kamm scheren. Wer nimmt sich überhaupt das Recht mich mit Zwang in dieselbe Schublade von kriminellen und radikalen zu stecken? Wer sagt mir, dass ich mich angesprochen fühlen muss, wenn wieder die Rede von „Djihadisten“ und „Islamisten“ ist. Ich gehöre nicht dazu, genauso wie jeder andere deutsche Bundesbürger. Dabei geht das Problem nicht nur von den Medien aus, deren Lieblingshobby das Verallgemeinern ist. Auch liegt das Problem  bei den Muslimen selbst, die sich ständig darüber aufregen und öffentliche Debatten anzetteln.

Ich leugne antimuslimischen Rassismus nicht, aber wie kann ich davon schreiben, wenn ich es nicht persönlich erlebt habe? Vielleicht lebe ich in einer rosaroten alle-Menschen-sind-gut-Welt, aber ich möchte mich nicht selbst ausgrenzen, in dem ich den schrecklichen Rassismus auf der Welt noch in antimuslimischen abspalte. Rassismus kann jeder erleben – Frauen, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung und auch Kinder. Und in jedem Fall ist es schrecklich und verletzt die Würde des Menschen. Ich bin kein Experte, nur ein einfaches Mädchen von nebenan, das sich wieder aufregt. Die Definition vom antimuslimischen Rassismus und die Ursachen überlassen ich deshalb den Experten und mache wieder ein STOPP. Denn langsam nervt die Hetze gegen alles Fremdartige. Und wenn es sein muss, bin ich lieber fremd – denn wer will schon normal und langweilig sein? Ich wünsche euch in diesem Sinne eine schöne fremdartige Woche.

Hier einige Artikel zu dem Thema antimuslimischer Rassismus:

Dienstag, 12. August 2014

Ein Update nach dem Abitur

Wie ihr wisst, habe ich dieses Jahr mein Abitur gemacht, weshalb es einige Veränderungen in meinem Leben gibt. Deshalb heute ein Update:

Ich habe mich an vielen Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland beworben. Ich war sogar bereit an der Ostsee zu studieren und den Ruhrpott zu verlassen, wobei ich heute nicht verstehen kann, wie ich auf den Schwachsinn kam. Aber glücklicherweise muss ich meine Heimat doch nicht verlassen, denn ich wurde vor einigen Wochen an der westfälischen Hochschule Gelsenkirchen für Journalismus und Public Relations angenommen. Yay! Ich freue mich schon riesig auf das Studium, an dem ich den Bachelor machen werden und danach mit einem Fachstudium weiter machen werde. Die Fachhochschulen ist wirklich sehr schön, ein großer Glaskomplex im Grünen, aber sehr klein im Vergleich zu einer Universität.

Vor wenigen Wochen habe ich ein zweimonatiges Praktikum bei den Ruhrnachrichten, der größten Lokalzeitung in Dortmund, beendet. Meine Tätigkeiten waren zu Presseterminen hingehen und Artikel verfassen und Interviews führen. Die Redaktion besteht aus einem Großraumbüro mit einer übersichtlichen Zahl an Journalisten und einem angenehmen Arbeitsklima. Als mein Praktikum zu Ende war, wurde ich als freie Mitarbeiterin übernommen, was mich wirklich sehr glücklich gemacht hat.

Momentan arbeite ich nebenbei und genieße wirklich die freie Zeit. Es ist lange Zeit her, dass ich morgens aufstehen und lange frühstücken kann. Ich unternehme sehr viel mit Freunden, eigentlich nur, da meine Eltern in der Türkei sind. Ich habe wieder angefangen Sport zu treiben, wobei das noch ein bisschen mehr Motivation erfordert - ich schwimme und jogge. Außerdem erledige ich in dieser freien Zeit einige Sachen, für die ich sonst nie Zeit hatte, wie zum Beispiel mein Zimmer umzugestalten. Ich genieße es wirklich, aber freue mich auch auf einen neuen Lebensabschnitt. In diesem Sinne wünsche ich euch eine schöne Woche und melde mich in kürze wieder. 

Montag, 28. Juli 2014

Heute ist das Ramadanfest

Wenn ich heute zurück denke, erinnere ich mich an Luftballons und viele Geschenke. Meine Mutter hat jedes Jahr versucht, uns das Ramadanfest zu einem Highlight werden zu lassen. Wir sind früh aufgestanden, haben uns schick gemacht und auf meine Brüder und meinen Vater gewartet, die beim gemeinschaftlichen Ramadangebet in der Moschee waren. Es gab schon damals ein großes Buffet zum Frühstück und ein Wohnzimmer voller Geschenke und Süßigkeiten. Jeder hatte seine eigene Tüte mit einem persönlichen Brief von meiner Mutter. Während meine Brüder beim Gebet waren, haben meine Schwester und ich uns die besten Süßigkeiten aus deren Tüten genommen und in unsere getan. Man, waren wir böse Kinder. Dabei war meine Schwester noch relativ lieb. Ich habe vorher immer meine Geschenke ertastet und manchmal sogar das Geschenkpapier von einer unauffälligen Seite geöffnet, damit ich sehen konnte, was darin war. Das waren Zeiten. Heute hat sich das alles geändert. Wir sind groß geworden. Geschenke gibt es kaum noch welche, die Süßigkeiten sind weniger geworden. Aber auch das gehört dazu. Erwachsen werden. Leben und wachsen. In den Jahren habe ich gelernt, dass das Ramadanfest Familie und Freunde bedeutet und alle Muslime zusammen feiern lässt. In diesem Sinne wünsche ich allen Muslimen ein fröhliches und segenreiches Fest. Aid mubarek & bayraminiz mübarek ve kutlu olsun.



Dienstag, 15. Juli 2014

Männer und andere Turbulenzen

Kurz vor der Fastenzeit hatten mich Freunde zu einem Grillabend eingeladen. Wir waren einige Leute, die gemeinsam das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Ghana gucken wollten. Als ich etwas verspätet ankam, war der Grill schon an, der Tisch gedeckt und es herrschte eine gute Laune. Drei junge Männer waren mit dem Grill beschäftigt, ihre Aufmerksamkeit schwankte zwischen grillen und Fußball schauen. Ganz konservativ eben. Kurz vor der Halbzeit machten vier Freundinnen von mir den Männern das Angebot sich um den Grill zu kümmern – die jungen Männer lehnten das Angebot zunächst ab. Doch die Damen drängten. Sie wollten auch mit anpacken, grillen wäre eine gute Herausforderung. Die Männer waren eingeschüchtert. Sie setzten sich hin und überließen den Damen die Arbeit. Im Laufe des Abends bemerkte ich dann, dass die jungen Männer kein Wort mehr heraus brauchten. Auch als wir aufräumten, packten die Frauen an, die Männer schauten verlegen zur Seite.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle betonen, dass die Gastgeberin eine der Damen war, die sich nachher um den Grill gekümmert hat und dass die meisten einen Migrationshintergrund hatten. Viele kamen aus dem Süden. Vielleicht spielt das aber auch keine Rolle. Vielleicht aber schon. An diesem Abend ist mir jedenfalls aufgefallen, dass die Frauen sich emanzipiert verhalten wollten. Sie empfanden es für selbstverständlich, dass die Frauen die ganze Arbeit leisten und dass die Männer verlegen am Tisch sitzen. Die Männer haben sich unwohl gefühlt, auch wenn sie es nicht direkt ausgesprochen haben. Ihre Blicke waren vielsagend. Als ich einige Tage danach die Gastgeberin auf meine Beobachtung ansprach, sagte sie sinngemäß, dass viele Männer mit der Emanzipation der Frau nicht klar kämen. Gerade südländische Männer, fügte ich gedanklich hinzu. Dabei bin ich ganz anderer Meinung. Manche Frauen möchten sich behaupten. Sie empfinden es als Beleidigung "typisch" weibliches Verhalten zu zeigen, weil sie Emanzipation als eine Abwendung vom fraulichen definieren - Wer gerne die Hilfe von Männern annimmt ist schwach und abhängig. Ich will nicht pauschalisieren, aber ich kenne einige Damen in meinem Umfeld, die so ticken. Gerade muslimische Frauen, die oft aus Männer-dominierenden Gesellschaften kommen bzw. in so einer Familie aufgewachsen sind, versuchen sich in all ihren Lebenssituationen von den Männern abzuwenden. Schlimmer sogar, sie empfinden die Frau als das bessere Geschlecht. Sie verstehen Emanzipation als eine komplette Unabhängigkeit vom Mann, weshalb einige auch Schwierigkeiten bei der Partnerwahl haben - falls sie denn überhaupt über eine Beziehung oder eine Ehe nachdenken.  

Eine typische Situation beobachte ich oft auf gemischten muslimischen Veranstaltungen. Wenn nach der Veranstaltung aufgeräumt wird, packen die Männer da an, wo es schwere und große Dinge zu tragen gibt. Beispielweise ein großes Zelt mit Stahlpfosten. Es gibt aber immer ein paar Frauen, die mit anpacken möchten - den Männern ist das wieder unangenehm. Danach entstehen oft Diskussionen zwischen den Frauen, warum es den Männern denn unangenehm sei. Warum aber auch nur?! Dabei verstehe ich nicht, warum einige Frauen sich über das definieren wollen, was "typisch" männlich ist. Und keiner kann mir sagen, dass es nicht typische Attribute von Mann und Frau gibt. Die Geschlechter sind nun mal verschieden und doch gleichwertig. Auch wenn wir mittlerweile in einer Gesellschaft leben, in der diese Attribute oft ineinander gehen - was ich als einen positiven Fortschritt sehe - so gibt es immer noch typisch Mann und typisch Frau. Deshalb heißt Emanzipation für mich eben nicht, dem Mann seine Aufgaben weg zu nehmen. Lasst ihn ruhig seine Männlichkeit ausleben. Vielmehr verstehe ich darunter den richtigen Umgang mit Unabhängigkeit und Autonomie. Die Frau kann alles, was der Mann auch kann. Es nervt nur, wenn sie sich ständig beweisen muss. 

Für meine Freunde, die diesen Text lesen und sich angesprochen fühlen: Die Situation ist verfremdet und sie ist nur ein Mittel zum Zweck. In diesen Sinne wünsche ich euch eine schöne Woche.